DFG-2 Betriebswirtschaftliches Teilprojekt

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Die Kirche als Organisation und Akteur: Informalität und Korruption in Serbien und die Rolle der Serbischen Orthodoxen Kirche (1991-2023)

Korruptionsindizes wie der bekannte Corruption Perception Index (CPI) von Transparency International sind ein beliebtes Instrument zur Feststellung weltweiter Korruptionswahrnehmungen. Serbien rangiert im internationalen Ranking auf Platz 105 von insgesamt 180 untersuchten Staaten. Im Rahmen ihrer Untersuchung nutzen quantitative Forschungszugänge vermehrt einen standardisierten Korruptionsbegriff als Grundlage ihrer Überlegungen, um eine Vergleichbarkeit zwischen Ländern herzustellen. Die daraus abgeleiteten praktischen Empfehlungen und Vorgaben gehen im Kampf gegen Korruptionsphänomene oftmals an den gesellschaftlichen Realitäten vorbei. Demgegenüber hat die Serbische Orthodoxie ihre eigenen, in den sakralen Texten und in der liturgischen Tradition verankerten Antikorruptionsvorstellungen, deren Inhalt und Beziehungen zu anderen, konkurrierenden Normen beleuchtet werden sollen.

Serbien blickt dabei auf eine bewegte Geschichte zurück. Das 20.Jahrhundert ist zunächst durch die Lösung aus dem imperialen Konstrukt des Osmanischen Reiches in die Unabhängigkeit eingeleitet worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierten sich der ehemals durch die Donaumonarchie und das Osmanische Reich beherrschte Balkanraum im sozialistischen Vielvölkerstaat Jugoslawien. Die jüngere Vergangenheit ist geprägt von unterschiedlichen Entwicklungen wie den jugoslawischen Zerfallskriegen (1991-1995 und 1998-1999), dem Ende der Milošević-Ära, dem demokratischen Aufbruch und den post-jugoslawischen Transformationsprozessen. Mit dem Thessaloniki-Gipfel 2003 ist den Nachfolgestaaten Jugoslawiens eine europäische Perspektive eröffnet worden. Seit 2014 führt Serbien Beitrittsverhandlungen mit der EU. Gleichzeitig sind ein Wiedererstarken autokratischer Tendenzen, fortbestehende schwierige Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen und der ungelöste Kosovo-Konflikt als wichtige Hindernisse festzustellen. 

In diesem komplexen Kontext agiert die Serbische Orthodoxe Kirche (SOK) nicht nur als moralische Autorität, sondern auch als politischer Akteur und als wirtschaftlich tätige Organisation. Trotz ihrer hohen Relevanz für die Gesellschaft Serbiens, in Vergangenheit und Gegenwart, ist sie allerdings nach wie vor nur ungenügend erforscht worden. Als Grundlage für die Neubewertung der Reaktionen der SOK auf die politischen und sozio-ökonomischen Herausforderungen Serbiens soll die Wiederentdeckung des Svetosavlje in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhundert als gesellschaftspolitische Ideologie bemüht werden, die auf die Deutung des Nationalheiligen Sava Nemanjić (1174 – 1236) aufbaut. Um einen breiten Forschungszugang zu generieren, sollen neben den Schriften führender Kirchenmitglieder wie Bischof Nikolaj Velimirović (1880 – 1956), Justin Popović (1894 – 1979) und Bischof Atanasije Jevtić (1938 – 2021) auch Publikationen benachbarter Disziplinen wie die Theologie, Philosophie, Geschichte und Politikwissenschaft sowie die offiziellen Dokumente der SOK in das Forschungsprojekt einbezogen werden. Zudem sollen Gespräche und Interviews mit Vertretern des Klerus und der Zivilgesellschaft geführt werden. Der Erfahrungshorizont der SOK umfasst dabei sowohl die imperiale Vorprägung als auch die Marginalisierung im sozialistischen Jugoslawien. Das DFG-geförderte Projekt „Die Kirche als Organisation und Akteur: Informalität und Korruption in Serbien und die Rolle der Serbischen Orthodoxen Kirche (1991-2023)“ wird diese Forschungslücke kontextsensibel bearbeiten.

Drei Forschungsfragen sollen dabei adressiert werden:

  1. Wie sind die Organisations- und Finanzstrukturen der SOK?
  • Wie positioniert und verhält sich die SOK gegenüber Informalität und Korruption in der serbischen Wirtschaft und Gesellschaft bzw. welche Rolle spielt sie in den entsprechenden öffentlichen Diskursen?
  • In welche konkreten Informalitäts- und Korruptions-Ereignisse und -Skandale der vergangenen drei Jahrzehnte war die SOK involviert und welche Rolle hat sie dabei gespielt?

Das Forschungsinteresse gilt dabei auch dem Verhältnis zwischen der SOK und dem serbischen Staat und die sich daraus ergebende Machtbeziehung, des kirchlichen Positionsbezugs zu Informalitäts- und Korruptionsphänomenen und die Reaktion auf ebensolche Phänomene. Ziel des Projekts ist die Ergründung des Umgangs der SOK mit Informalität und Korruption während der Patriarchate von Pavle (1990-2009), Irinej (2010-2020) und Porfirije (ab 2022). Die Forschungsergebnisse sollen zu einem besseren und tieferen Verständnis der SOK als auch des politischen Systems Serbiens und der serbischen Gesellschaft beitragen.

Vladimir Stošić (STE 1088/6-2)